GESCHENKE FÜR KLEINE UND GROSSE (VON 5 BIS 42 EURO)


Habt ihr eure Weihnachtsgeschenke schon alle zusammen? Ich bin noch nicht fertig. Falls es euch auch so geht, sind hier ein paar Lieblingsdinge für Kleine und Große:

1) „Das Wetter-Experiment” von Peter Moore habe ich in diesem wunderbaren Buchladen entdeckt. Ein Sachbuch (schon 2016 erschienen) über die Pioniere der Meteorologie und die stürmischen Anfänge der Wettervorhersage. Würde ich selbst gerne lesen, aber ich weiß schon, wem ich das schenke. (Mare, 560 Seiten, 26 Euro.) 

2) Die perfekte Kleinigkeit: „Danziger Goldwasser” ist ein Gewürzlikör aus dem 1906 gegründeten Familienbetrieb Bruns. Erfunden wurde es als Verlobungsgeschenk. Als Weihnachtsgeschenk macht es sich aber auch sehr gut, finde ich. Gefunden für 4,70 Euro in noch so einem fabelhaften Laden: „Dr. Kochan Schnapskultur”

3) „Good Night Stories for Rebel Girls" von Elena Favilli und Francesca Cavallo: 100 Geschichten über 100 außergewöhnliche und beeindruckende Frauen. Dieses tolle Buch habe ich Fanny und mir schon vor Weihnachten geschenkt, weil wir es im Buchladen nicht liegen lassen konnten. Jetzt lesen wir vorm Einschlafen immer ein oder zwei der Geschichten. Und ich lerne dabei mindestens genauso viel wie sie. Hier gibt es eine Leseprobe. (Hanser, 224 Seiten, 24 Euro.) 

4) Eine Hunde-Spieluhr zum Einschlafen. Man kann sich sogar aussuchen, welches Lied sie spielen soll – von „Lalelu” über Schuberts „Wiegenlied” bis „Imagine” ist alles dabei. Sogar „Hamburg, meine Fußballperle”.  Der Löwe ist auch toll, oder? Für 42 Euro von Sternwerk. 

5) Bookdarts – falls man jemandem nicht nur sein Lieblingsbuch schenken, sondern auch die schönste Stelle markieren möchte. Eine Dose mit 50 Lesezeichen aus Federbronze, Messing oder Edelstahl kostet bei R.S.V.P. Berlin 8,90 Euro.

6) Eigentlich bin ich meinen Lieblingsstiften sehr treu, für diesen Füller von Kaweco würde ich aber fremdgehen. Vielleicht verschenke ich ihn aber auch einfach an jemanden, der gerne Briefe schreibt. In Schwarz. Oder in Mint? Schon wieder von R.S.V.P. für je 18,50 Euro (noch ein Lieblingsladen in Berlin).

7) „Pierre, der Irrgarten-Detektiv, jagt Mr. X”. Damit ausgerechnet Weihnachten nicht alle Lichter der Stadt erlischen, muss Pierre, der berühmte Irrgarten-Detektiv, einen Weg durch die Labyrinthe von New Maze City finden. Dabei braucht er jede Menge Hilfe. Dieses riesige, spannende Rätsel-Wimmelbuch habe ich auf dem Lieblingsbücher-des-Jahres-Tisch von Dussmann entdeckt und war total begeistert. Schaut euch nur mal diese Bilder an! (Von Ic4design und Hiro Kamigaki, Prestel, 19,99 Euro). 

8) Als ich mir auf dem Rückweg vom Zahnarzt die „Sleepy”-Bodylotion von Lush gekauft habe, hatte ich keine Ahnung, was für ein Kult-Produkt ich mir da zugelegt habe. Es gibt Blogger, die schwören, dass man mit „Sleepy” tausendmal besser ein- und durchschläft. Ich kann das schwer einschätzen, weil ich gerade einschlafe, sobald mein Kopf das Kissen berührt. Aber ich liebe den leicht lavendeligen Duft dieser herrlich reichhaltigen Creme (obwohl ich Lavendel sonst überhaupt nicht ausstehen kann) und benutze sie gerade jeden Abend. (100 ml für 11,95 Euro). 

9) Als ich auf Instagram die Aquarell-Tiere von Swantje & Frieda für Vinta Series gesehen habe, musste ich sofort grinsen. Sind die vielleicht süß. Es gibt einen Esel, einen Hund, einen Löwen, einen Schwan und einen Wal. Ich mag sie alle. Für je 39 Euro bei Vinta Series.

10) Nein, über „Schwupps will nicht schlafen” kann ich hier nicht ganz neutral schreiben – dafür mag ich Claudia von „Was für mich” viel zu gerne. Aber auch ganz nüchtern betrachtet ist dieses Bilderbuch über ein Ferkel, das partout nicht einschlafen möchte, einfach nur bezaubernd. (Hier zu bekommen für 16,90 Euro. Und wenn ihr schon auf der Seite seid: Die Bastelbücher sind genauso klasse). 

11) Das „Aroma Kochbuch” von Kille Enna wünsche ich mir zu Weihnachten. Da ich Gewürze liebe, aber noch relativ wenig Ahnung von all den Möglichkeiten ihrer Verwendung habe, würde ich das Buch der dänischen Köchin wirklich gerne lesen und etwas über die 50 Mischungen lernen, die sie sich ausgedacht hat. Ich meine: Piment - Ceylon-Zimt - Zitronensaft - Olivenöl - Meersalzflocken - Muskatblüte - Ahornsirup - geräuchertes Paprikapulver und Haselnuss. Mit Kürbis. Oder: Safran - Datteln - Apfelsaft - Meersalz - Olivenöl. Mit: Chicorée. Genau. (Prestel, 288 Seiten, 29,95 Euro).

Habt einen schönen zweiten Advent!

DER NOVEMBER 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)


Wie die letzten Wochen waren:
Das gleiche Pensum wie in den Monaten davor, aber das Verrutschte ist weg. Manche Knoten lösen sich offenbar wirklich von selbst. Mir geht´s gut gerade. Nicht jeder Tag ist voller Sonnenschein – ich bin immer noch saumüde, genervt vom andauernden Nachts-arbeiten-Müssen und habe große Sehnsucht nach einer kleinen Pause. Aber Himmel, ist da gerade viel Schönes in unserem Leben. Hedis „Hi”, das manchmal wie „Ei” klingt und manchmal wie „Hai”, aber immer so, als würde sie mich gerade zum allerersten Mal sehen. Dieser vertrödelte Samstag neulich. Zum ersten Mal Weihnachtslieder gehört, einen großen Topf Chili gekocht und „Das Wunder von Manhattan” geguckt. Die kleine Hand, die sich jeden Morgen auf dem Weg zur Schule in meine Jackentasche schleicht und nicht loslässt bis zum Kuss-Stein vor der Schultür. Das Zahnarztschränkchen, das jetzt in unserem Wohnzimmer steht. Und das Gulasch, das er gerade jeden Sonntag kocht. Schon der Duft wärmt.

Der schönste Moment:
Nach viermal, dreimal, zweimal, nur noch einmal schlafen: Fannys Geburtstagsmorgen. Weil wir noch vor der Schule die Bescherung gemacht haben, war es ganz dunkel. Eigentlich wollte ich ihr ins Ohr flüstern, dass heute ihr Geburtstagsmorgen ist, aber dann war sie es, die mich weckte. Es dauerte einen Moment, bis ich wirklich wach war, einen viel zu langen, und noch einen viel, viel zu langen, bis auch der Rest der Familie wach war und ich in der Küche die Kerzen auf dem Kuchen angezündet hatte. Aber dann – endlich, endlich. (Und obwohl ich weiß, wie alt sie wird, überrascht es mich doch jedes Mal wieder. Die Erinnerung an die ersten Stunden mit ihr, die ersten Tage, Monate, Jahre. All die Weißt-du-nochs, die gerade erst passiert und schon sieben Jahre her sind. Und dann pustet sie alle Kerzen auf einmal aus und fragt, ob sie wirklich nicht verraten darf, was sie sich wünscht, und verrät es dann doch, und nimmt Hedi auf den Schoss und lässt sie das Papier aufreißen, vier Hände, die gar nicht schnell genug auspacken können und schon wieder ein Weißt-du-noch). 

Gerne gesehen:
„Anne with an E” auf Netflix. Ende des 19. Jahrhunderts findet das 13-jährige Waisenmädchen Anne Shirley bei den Geschwistern Marilla und Matthew Cuthbert endlich ein Zuhause. Eine Geschichte, die von Einsamkeit und Zusammenhalt erzählt, von Liebe und Sehnsucht, von angepassten Frauen und einem herrlich wilden Mädchen. Genau richtig für dunkle Tage. Total anders, aber auch ganz toll: die Indie-Soap „Lampenfieber”. Angefangen und am Stück durchgeguckt. Jetzt fehlt mir noch eine Serie zum entspannten Wegglotzen (wenn ihr wisst, was ich meine). Gerade habe ich mit „Berlin Station” angefangen, aber so richtig gefesselt bin ich noch nicht.

Andauernd gehört:
Weihnachtslieder. Dieses Jahr ist die Weihnachtsstimmung lange vorm Tannenbaum da. Zum Glück geht´s dem Rest der Familie auch so und keiner rollt mit den Augen, wenn hier ständig Weihnachtsmusik läuft. Am liebsten: die Weihnachtshit-Playliste von Spotify (mit Mariah Carey, Wham und Chris Rea – ewig kann man die nicht hören, aber ein paar Mal, und dann sehr laut), die Kinder-CD (samt Buch) „Am Weihnachtsbaume” (die man tatsächlich immer wieder hören kann, ohne dass sie nervt) und meine alte Weihnachtsplaylist

Endlich gelesen:
Immer noch nichts. Ich bin abends einfach zu müde. Was mich aber nicht am Bücherkaufen hindert, denn in den Weihnachstferien möchte ich möglichst viel lesen. Auf meinem Stapel: „Das Leben des Vernon Subutex” von Virginie Despentes, „Fangirl” von Rainbow Rowell und „Swing Time” von Zadie Smith. Welches Buch hat euch dieses Jahr denn so richtig gut gefallen?

Eine Idee, die ich sofort geklaut habe:
Die Candy-Box von annikaoninsta. Nach einem (selbstgekauften) Geburtstagskuchen und Kuchen für die Schule habe ich für Fannys Detektiv-Party statt Kuchen Nummer drei eine Süßigkeiten-Box gemacht. Kam super an und wird wiederholt.

Gesucht und gefunden:
Eine neue Wintermütze. Nachdem ich es tatsächlich geschafft habe, meine beiden anderen innerhalb von einer Woche zu verlieren. Diese hier ist so kuschelig, wie sie aussieht.

Was gerade in der Wohnung passiert:
Ach, so vieles. Und eigentlich möchte ich gar nicht so richtig fertig werden. Nach Fannys Zimmer und der Küche ist nun das Wohnzimmer dran. Über dem Sofa sollen ganz viele Bilder hängen (wenn ich es je schaffe, sie aufzuhängen). Und in der Ecke neben dem Schränkchen soll ein Lese-Sessel stehen. Hellgrau soll er sein, möglichst gemütlich und nicht zu wuchtig. Mal sehen, ob ich so einen finde.

Im Netz entdeckt:
* „Ich lass das Loch einfach”. Indre von MiMA hat mit Melanie Garanin gesprochen, auch über den Tod ihres Sohnes. Und das hat mich sehr bewegt.
* Der neue Familien-Freizeit-Guide vom Himbeer-Magazin ist erschienen: Berlin mit Kind 2018. Wie immer ganz toll und voller Entdeckungen.
* Eine Geschichte über einen gemieteten Vater. 
* Immer und immer wieder: Die Modern-Love-Section der New York Times.  
* Die es übrigens auch als Videos gibt. Wie toll.
* Ein Autor verreist mit seinem Schwiegervater: „Wir kennen uns seit sieben Jahren und doch gibt es so vieles, was wir nicht voneinander wissen.”
* Schokoladen-Karamell-Kuchen? Der wird ausprobiert.
* Das Leben von Hedy Lamarr – gezeichnet.
* Über dieses Video musste ich wahnsinnig lachen: Angela Merkel übt ihr Poker-Face.
* Und bei diesem Video habe ich mir eine Träne weggewischt: Aretha Franklin singt „A Natural Women”. 
* Noch so ein Video, das mich wahnsinnig gerührt hat: „Portrait of Lotte, 0 to 18 years”. Ein Kind wird in fünfeinhalb Minuten erwachsen.

Und ihr? Wie geht´s euch? Hattet ihr einen guten November? 

EINE STERNENKARTE FÜR UNSERE KÜCHE
(UND IN WELCHEM TOLLEN LADEN ICH SIE GEFUNDEN HABE)

Ist es schlimm, wenn ich schon wieder einen Laden beschwärme? Ich kann nicht anders. Das liegt nicht nur an meinem Schwärmdrang, sondern auch daran, dass Läden manchmal Orte sind, an denen sich Visionen, Schönheit, Lebensentwürfe und Leidenschaften ausdrücken. „Discover Prints” in Berlin-Mitte ist so ein Ort. Uwe Berger verkauft darin Drucke (im Original und als Reproduktionen), die einem die Welt und das Universum zeigen, aufschlüsseln, benennen, erläutern. Land- und Seekarten aus der vordigitalen Zeit, Ansichten des Mondes, der Milchstraße oder von Kometen in ihrem Flug durch das All, Kunstdrucke, auf denen Hunde 21 verschiedener Rassen friedlich versammelt sind oder ein Schwimmer, der die einzelnen Phasen des Brust- und Rückenschwimmens demonstriert. So hat man Wissbegierigen die Ordnung der Dinge vermittelt, als es Google Maps, die Wikipedia und das Internet noch nicht gab. Man zeichnete oder malte, was es zu wissen gab, und die Wirkung dieser Drucke hat viel damit zu tun, dass sich auf ihnen wissenschaftliche Präzision mit künstlerischer Interpretation verbindet – eine Poesie der Aufklärung gewissermaßen, die Schönheit des Dinglichen, Charakteristischen und Typischen. Die Bilder, die man bei „Discover Prints” entdecken und (in verschiedenen Größen) kaufen kann, bringen einem nicht nur bei, was man auf ihnen sieht, sondern lassen einen auch wieder Staunen über die Welt.

Was dieses Staunen in einem bewirken kann, dafür ist Uwe Berger selbst ein gutes Beispiel. In einem früheren Leben war er mal Meeresbiologe in Norwegen und Schweden und danach Bio- und Physiklehrer, auch an zwei Berliner Gymnasien. Die Drucke, alten Karten und wissenschaftlichen Abbildungen sammelte er nur für sein privates Vergnügen. Bis er sich eines Tages eingestand, dass sie es sind, für die er wirklich brennt und aus seiner Faszination einen Beruf machte. Zuerst auf Flohmärkten, schließlich in seinem Laden, den ich vor einer Weile beim Bummeln entdeckt habe und von dem ich hin und weg war. Von den Schätzen, die man dort findet, von der freundlichen (und kenntnisreichen) Beratung und den überaus gut gemachten Produkten. Berger litographiert die Drucke, die er sammelt, printet sie auf hochwertigem Papier oder auf Leinwand, vergrößert sie, macht sie zu Bildern, die man bei sich zu Hause an die Wand hängen kann.

Seit ein paar Tagen hängt an der Wand in der Küche, eine „Sternkarte des nördlichen Himmels” und eine „Sternkarte des südlichen Himmels” – zwei Kreise voller Sterne, Nebelflecke und Tierkreiszeichen, und seitdem bin ich mitten im Gespräch manchmal für ein paar Sekunden sehr, sehr weit weg, Lichtjahre entfernt. Und wenn ich dann wieder auf der Erde lande, ist mir, als wäre mir ein wenig leichter.

„Discover Prints”, Weinbergsweg 2, 10119 Berlin-Mitte, Di–Sa 12-20 Uhr. Der Onlineshop ist hier zu finden. 




EIN BLICK IN UNSERE NEUE KÜCHE

Das erste Zimmer in der neuen Wohnung, das sich fertig anfühlt, ist unsere Küche. Eine wilde Mischung aus alt (wir haben unsere weißen Unterschränke doch mitgenommen, statt eine ganz neue schwarze Küche zu kaufen), improvisiert (dort, wo eigentlich das zweite Küchenbrett hängen sollte, finden sich nun weiß angestrichene Holzkisten – an dieser merkwürdigen Wand gab es einfach zu viele Leitungen, die das Anbringen unmöglich gemacht haben, also haben wir überall dort, wo mal keine verliefen, weiß angestrichene Kisten angebracht – was mir nun lustigerweise viel besser gefällt als unser ursprünglicher Plan) und neu (in meiner zweiten Laden-Lieblings-Neuentdeckung bin ich ein bisschen durchgedreht und habe mir in den letzten Monaten einen Flaschentrockner, das kleine Schränkchen und den wunderschönen, alten Tisch gekauft – ein Unvernunftskauf, den ich aber kein bisschen bereue). In keinem anderen Zimmer sitzen wir öfter als hier. Schauen Hedi beim Schubladenausräumen zu, arbeiten, essen mit Freunden, morgenmuffen uns beim Frühstück an, pellen uns eine Clementine, reden über das Leben und die manchmal so komische Welt da draußen. 

WIE WAGT MAN NEUES, WENN MAN ANGST VORM SCHEITERN HAT? FRAGEN AN LIFE-COACH LEA VOGEL #1











Heute startet hier eine neue Reihe, über die ich mich wahnsinnig freue: Fragen an Life-Coach Lea Vogel. Vielleicht erinnert ihr euch noch an sie: Anfang letzten Jahres habe ich hier mit ihr übers Glücklichsein gesprochen. Seitdem sind wir immer in Kontakt geblieben, und irgendwann war der Gedanke da, Lea auf Slomo öfter mal zu Wort kommen zu lassen. Glücklicherweise sagte sie sofort zu. Weil ich mich von den Dingen, die sie zu mir gesagt hat, oft so sehr bereichert fühle, dachte ich: Ich stelle ihr hier einfach Fragen. Zu Beginn eine, die mir gerade durch den Kopf geht, gefolgt von anderen, die mir im Alltag begegnen – nicht nur in meinem eigenen Leben. 

Den Anfang macht die Frage: Wie wagt man Neues, wenn man Angst vorm Scheitern hat? Die Sache ist nämlich die: Schon lange wachsen ein paar Ideen in mir, jetzt habe ich das Gefühl, es ist an der Zeit, sie endlich Realität werden zu lassen (jupp, ich werde hier natürlich davon erzählen, wenn es so weit ist, und nein, ich werde den Journalismus nicht aufgeben, das würde ich niemals tun). Ich bin irre motiviert und vorfreudig, das alles fühlt sich sehr richtig an. Und doch gibt es eine Stimme in mir, die zweifelt. Sie will zum Beispiel wissen, ob es nicht schlauer wäre, noch abzuwarten. Oder es lieber ganz zu lassen. Sie fragt auch, ob das denn wirklich eine gute Idee ist. 

Würde diese Stimme die gleichen Dinge zu einer Freundin sagen, fielen mir tausend gute Erwiderungen ein. Ich würde ihr sagen, dass es doch viel mehr zu gewinnen als zu verlieren gibt. Dass sie doch ein gutes Gefühl dafür hat, was geht und was nicht – und diesem Gefühl ruhig trauen soll. Dass es sich lohnt, aus der Deckung zu kommen und dem Rumoren zu folgen, selbst wenn man Gefahr läuft, dabei zu scheitern. Am Ende würde ich ihr sagen, dass man mit seinen Aufgaben wächst, weil das zwar ein alter Spruch ist, meiner Erfahrung nach aber trotzdem sehr wahr. 

Leider rede ich mit mir selbst nicht wie mit einer Freundin. Und der Stimme fallen viele „Und wenns” und „Ja, abers” ein. In Wahrheit habe ich einfach einen Riesenschiss, mich aus meiner Komfortzone heraus zu bewegen, etwas Neues zu wagen und die Grenzen zu überschreiten, die ich mir selbst gesetzt habe. Deshalb würde ich gerne wissen: Wie kriegt man es hin, etwas Neues zu wagen? Was hilft dabei, den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen? Und wie kann ich herausfinden, ob eine Idee wirklich trägt oder die zweifelnde Stimme womöglich doch gar kein so schlechter Wegweiser ist – schließlich taugt ja auch nicht jeder Plan zur Umsetzung?

Tausend Dank für deine Antwort, liebe Lea!



Liebe Okka,

hab vielen Dank für deine ehrliche und clevere Frage. Ich habe viele Ideen und Gedanken dazu, die ich nach und nach mit dir teilen möchte. Aber zunächst ist es mir wichtig zu betonen: Es ist okay, menschlich, wichtig und keinesfalls zwingend von Nachteil, wenn man mal zweifelt – ich glaube sogar, dass kritisches Hinterfragen uns beim Wachsen helfen kann. Aber wie immer macht auch hier die Dosis das Gift. Aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass es ein erster Schritt in Richtung Mut ist, wenn man sich der Mechanismen bewusst wird, die ihn behindern.

Gern möchte ich ein paar Themen und Gedanken ansprechen, die mir wichtig erscheinen – wissend, dass ich hier nicht alle Aspekte dieses Themas ansprechen kann. Ich hoffe, dass der ein oder andere Gedanke dich inspiriert. Aber von Anfang an. 

Der innere Kritiker schleicht sich ein

Der Kritiker ist ein Anteil in uns, der sich irgendwann im Laufe unseres Lebens einen Platz in unserem Innern ergaunert hat. Vielleicht durch einen prägenden Moment in unserem Leben (das ist übrigens sehr menschlich und keinesfalls pathologisch), vielleicht aber auch durch einen schleichenden Prozess, den wir heute gar nicht mehr so gut greifen können. Wie auch immer er Einzug in unser Inneres erhalten hat: Der Kritiker hatte mal eine echte Funktion. Er hat es gut mit uns gemeint und uns einen Lösungsweg angeboten, der damals der bestmögliche für uns war. Kurzum: Er wollte uns auf seine verquere Art schützen. 

Mit diesem Wissen im Gepäck fällt es mir sehr viel leichter, ihn in mir zu akzeptieren und den Kampf gegen ihn zu beenden. Denn Kämpfen kostet Kraft und die Kraft können wir ja schon für das Umsetzen unserer Wünsche gebrauchen. Das bedeutet aber nicht, dass wir ihm und seinen Ratschlägen folgen müssen. Viel eher sollten wir hinterfragen, ob das, was er uns so rät, noch zu unserem heutigen, erwachsenen und fitten Ich passt.

Der Kritiker ist wie ein altes Sofware-Programm in unserem Innern, das irgendwann einmal wirklich nützlich war, aber jetzt – 2017 – dringend mal ein Update bräuchte. Ich komme nochmal darauf zurück und werde konkreter, versprochen.

Das Erbe unserer Eltern

Ein weiterer wichtiger Punkt, der eine immense Auswirkung auf unsere inneren Kritiker und Zweifler hat, ist ein gesellschaftlicher Aspekt. Noch vor zwei Generationen waren Krieg, Leid und Tod sehr viel präsenter in unserer Gesellschaft als heute. Unsere Großeltern haben den Krieg hautnah erlebt, Verluste erlitten, Hunger ausgestanden. Diese Generation hat unsere Eltern erzogen. Früher gab es nicht die nötige psychische Betreuung, um diese Form des Traumas aufzuarbeiten. Das bedeutet: Damals berechtigte und nachvollziehbare Gedanken wie „Man hat vorsichtig zu sein“, „Scheitern ist akut lebensbedrohend“, „Man darf vom Leben nicht zu viel erwarten“, „Auf etwas Gutes folgt auch wieder etwas Schlechtes“ wurden bewusst oder unbewusst weitergegeben. 

Unsere Eltern wurden davon geprägt und weil sie nun einmal Menschen sind, haben sie es an uns weitergegeben. Dieses ängstliche, generationale Vermächtnis hängt also über uns – über einer Generation, die so frei ist wie niemals zuvor. Und wir haben große Schwierigkeiten, diese Freiheit richtig zu nutzen und neue Leitsätze für eine so viel freiere Zeit zu etablieren. Rational wissen wir, dass Scheitern in Ordnung wäre – emotional haben wir eine riesengroße Angst davor.

Eine Kultur der Vorsicht

Aber nicht nur die Generationen vor uns haben uns geprägt, auch unsere Kultur rät zur Vorsicht. Deutschland gilt als Land der Tugenden und auch wenn ich einige dieser Qualitäten sehr schätze – im Fall des Wagemuts tun wir uns selbst keinen Gefallen. Soll heißen: Wenn man in Deutschland gründen möchte oder eine Idee hat, werden wir nicht gerade zum Mut aufgefordert – im Gegenteil. Wenn eine Idee noch nicht ganz durchdacht ist, werden wir angehalten, sie erst zu Ende zu planen, bevor wir einen ersten Schritt machen. Ich erinnere mich gut an den Beginn meiner Selbstständigkeit vor fünf Jahren. Es gibt Anteile in mir, die gerne und viel träumen, dementsprechend kann ich mich auch schnell begeistern und entflammen. Und wenn das so ist, spreche ich auch gern darüber – doch die Reaktion waren eher verhalten: „Und wie willst du damit Geld verdienen?“, „Coaching in Deutschland – zahlt da denn jemand für?“, „Was ist denn deine Nische?“, „Muss man da nicht älter sein?“, „Wie sieht denn dein Businessplan aus?“ Wenn ich daran zurückdenke, merke ich, wie meine Mundwinkel sich nach unten bewegen. Und genau das ist es auch, was passiert: Wir fühlen uns überfordert und ausgebremst, bevor wir überhaupt den ersten Schritt getan haben. Versteh mich nicht falsch, natürlich macht es Sinn, sich den einen oder anderen Gedanken über sein Vorhaben zu machen – aber den Traum und den inneren Impuls im Kern zu ersticken? Das kann doch nicht die Lösung sein. In anderen Ländern und Kulturen haben der Mut und das Versuchen einen höheren Stellenwert. Es gehört dazu, sich auszuprobieren und Dinge auch wieder ablegen zu können. Stell dir mal vor, du wärst bei deinem ersten Gehversuch auf den Boden geplumpst und vor lauter Scham niemals wieder aufgestanden. Wir haben einen sehr dramatischen Umgang mit dem Scheitern und ich wünsche mir von Herzen, dass wir in diesem Zusammenhang als Kultur lockerer werden – perfection is boring.

Die Frage nach dem Warum

Ich möchte noch eine Spur konkreter werden. Ich glaube fest, dass ein Zusammenspiel der genannten Faktoren uns und unsere Entscheidungen beeinflusst. Eine Klientin, die ich auf ihrem Prozess hin in die Selbstständigkeit begleiten durfte, kam zu einem Zeitpunkt zu mir, an dem sie über all diese Dinge bereits reflektiert hatte. Sie wusste, dass sie einige Glaubenssätze davon abhielten, ihre Wünsche zu verwirklichen. Sie wusste auch, dass sie stark von gesellschaftlichen Werten beeinflusst war. Und weil sie darüber bereits Klarheit hatte, war sie sehr frustriert. Sie ärgerte sich, weil sie es eigentlich verstand, aber nicht umsetzen konnte – die Angst hielt sie immer wieder zurück. Ich kenne diese Gefühle gut und daher war mir schnell klar: Hier hat im Moment noch der Kopf das Sagen. Ich spürte, dass ich meine Klientin wieder ins Fühlen bringen musste, denn es braucht eine Balance aus Kopf und Herz, um eine gute Entscheidung zu treffen.

Eine erste sehr kraftvolle Frage in einem solchen Zusammenhang ist die nach dem Warum. Warum möchtest du mit dem, was du planst, eigentlich beginnen? Welches Gefühl wäre es loszulegen? Welcher Teil in dir würde sichtbar werden, wenn du beginnen würdest? Was könntest du von dir ausdrücken, wenn du deinen Träumen folgst? Welchen Mehrwert hätte es für dich und vielleicht auch für andere? Was glaubst du: Warum hat dir dein Herz dieses Gefühl, diesen Wunsch gesendet?

Die Frage nach dem Warum öffnet das Herz und ein geöffnetes Herz steht für Weite. Wo Weite ist, sind wir in einem kreativen Geist – und der ist es, den wir zum Realisieren unserer Vorhaben brauchen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Beantwortung der Frage nicht immer ganz leicht ist. Mal, weil wir die Antworten noch nicht kennen, mal, weil wir glauben, sie zu kennen, aber nichts dabei spüren. Im Coaching würde ich den Rahmen schaffen, um ins Gefühl zu kommen – denn dort liegen eine Menge Antworten. Im Fall meiner Klientin hat es eine Weile gedauert, bis sie ihren so schnellen und gut trainierten rationalen Geist einmal zur Seite legen konnte, aber die Antwort, die sie dann fand, war ein fundamentaler Motor für alle weiteren Schritte. Deshalb appelliere ich hier an deine Geduld – wenn du es noch nicht getan hast, nimm dir Zeit, um dein Warum zu ergründen.

Was bedeutet Scheitern eigentlich?

Um herauszufinden, ob ein Plan wirklich etwas taugt, empfehle ich dir das Ausprobieren. Step by step. Kleine Schritte, schauen, wie es sich anfühlt, dann nachjustieren oder weitermachen. Nichts ist kraftvoller als der erste Schritt. Viele Menschen haben allerdings eine riesengroße Angst vorm Scheitern. Und um diese Angst Schritt für Schritt abzubauen, muss man sich genau anschauen, was Scheitern im individuellen Sinne eigentlich bedeutet. Ich bleibe mal bei dem Beispiel meiner Klientin. 

Da ihr bereits klar war, dass sie sich erst nach und nach selbstständig machen würde und sie zunächst noch halbtags angestellt bleiben würde, war sie finanziell recht abgesichert. Da wir in Deutschland ohnehin viel Sicherheit erleben, war auch klar, dass sie – komme, was wolle – nicht unter der Brücke landen würde.

Das Ego möchte gewinnen

Die Ängste, die sie hatte, waren also vor allem auf Ego-Basis. (Damit man sich an diesem ruppigen Wort nicht stört, möchte ich kurz erklären, dass ich mit Ego immer den Anteil in uns bezeichne, der nicht unsere Intuition ist. Unser Ego hat immer Angst, abgewertet zu werden und an Ansehen zu verlieren – es definiert sich über Titel, Geld, Dinge oder Leistungen und es ist wirklich verletzlich.)

An dieser Stelle muss man sehr wachsam sein, um das Ego zu enttarnen. In ihrem Fall waren da Ängste über das, was die Schwiegereltern sagen könnten, wenn sie ihren sicheren Job aufgibt und Ängst darüber, dass sie egoistisch sein könnte. Sie hatte sich bisher sehr über ihre Führungsposition definiert. Außerdem hatte sie Sorge, dass sie jetzt groß tönen würde und am Ende doch alle sehen könnten, dass sie sich nur zum Affen macht. 

Die Ängste drehten sich also um Ansehen und Prestige, darum, was andere denken könnten – und genau da machte es Sinn, anzusetzen: Was bedeutet es denn, seine Status-Position aufzugeben? Was sagt es denn über den eigenen Wert aus, wenn man sich von dem löst, was die Gesellschaft für gut erklärt hat? Auch bei der Beantwortung dieser Frage war es wichtig, meine Klientin ins Fühlen und in ihre Intuition zu bringen, denn der Verstand hätte das geantwortet, was er immer sagt. Er wäre ins Ängstliche abgerutscht. Tief in sich spürte sie aber, dass sie mehr war als ihre Titel. 

Sie verstand nach und nach, dass sie – würde sie dem Ego weiterhin folgen – immer das tun würde, was sie von sich (und man von ihr) verlangte. Irgendwann konnte sie richtig spüren, dass sie in diesen Momenten in der Enge war und sich körperlich anspannte. Sie lernte, dass dort, wo die Enge ist, niemals Raum für Kreativität und Lösungen liegen. Vor allem wäre dort kein Raum für die Wünsche ihres Herzens. 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele von uns – besonders Menschen mit einer Tendenz zum Perfektionismus – gerne die Kontrolle behalten möchten und es ihnen daher schwerfällt, loszulassen. Ich habe die Erfahrung sogar am eigenen Leib gemacht. Mir war es eigentlich immer am liebsten, wenn alles dort war, wo ich es sehen konnte – also schön in meiner Kontrolle: Alles ist in Harmonie, keiner spricht schlecht über mich, ich mache alle zufrieden und bewege mich auf sicherem Boden. Doch dort, wo ich alles in der Hand habe, sind die Zügel eng – und in der Enge findet keine Magie statt. Wir sollten noch einmal genau bedenken, wann genau wir eigentlich wirklich scheitern. Und uns eingestehen, dass unsere Kontrolle immer nur vermeintlich ist, weil das Leben fließt und wir es nur im Schein kontrollieren können.

Für mich wurde die Luft dort irgendwann zu eng, für meine Klientin ebenfalls. Und auch wenn es einem manchmal den Atem raubt, nicht zu wissen, wohin man springt: Ich vertraue inzwischen darauf, dass sich das Netz schon zeigen wird und ich es nicht schon sehen muss, bevor ich losspringe – einfach, weil Stillstand uns nicht wachsen lässt und es sich lohnt zu vertrauen. Vertrauen ins Ungewisse ist nicht naiv, es ist ein Anknüpfen an unsere innere Weisheit.

Mut finden

Und so komme ich zu einem vorletzten Punkt, der mir für jetzt und heute wichtig erscheint. Es geht darum, anzuerkennen, dass Mut nicht bedeutet, keine Ängste oder Kritiker zu haben. Es bedeutet nur, dass wir trotzdem losgehen, weil wir den Gegenpol zur Angst – das Vertrauen – gestärkt haben und wissen, dass alles, was kommt, ein potenzielles Lernfeld sein kann. Ich weiß, das klingt wie eine Phrase, aber ich meine es aus ganz ehrlichem Herzen: Jede Erfahrung beinhaltet einen Lerneffekt, der uns wachsen lässt. Meine Klientin ist inzwischen seit drei Jahren selbstständig und kann es sich kaum noch anders vorstellen. Trotzdem gibt es Phasen, in denen Angst und Kritik laut werden. Sie hat aber ein paar Rituale in ihr Leben integriert, die ihr helfen, damit besser umzugehen. Und sie kennt ihr Warum und ehrt die Stimme ihres Herzens inzwischen genauso wie die ihres Kopfes.

Die Kraft der Intuition

Ich glaube, dass wir in unserer Generation eine große Verantwortung tragen. Wir dürfen glücklich sein, wir dürfen Scheitern und unser Leben völlig frei gestalten – um das zu akzeptieren und zu verankern, braucht es Menschen, die es vorleben und zeigen, dass es möglich und nicht dramatisch ist. So groß das Mitgefühl für die vorausgehenden Dekaden auch ist: Es wird Zeit, dass wir uns endlich erlauben, uns freizuschlagen und unsere Leben frei und mutig zu gestalten. 

Ich mag inzwischen die Idee, dass es kein richtig oder falsch gibt, sondern dass alles, was kommt, mein Weg ist, der mich prägt und mich die Erfahrungen machen lässt, die ich brauche, um zu wachsen. 

Und für dich, liebe Okka: Ich glaube, du brauchtest diese Zeilen gar nicht, denn dein Herz weiß längst, was gut für dich ist. Ich wünsche dir viel Freude beim Ausprobieren – das Leben kann doch so schön sein, wenn wir mutig sind.

Von Herzen,
Lea.

Die Website von Lea Vogel findet ihr hier. Ihren Newsletter könnt ihr hier abonnieren, ihren Podcast hier anhören. Das Foto von Lea hat Anna Wasilewski gemacht.

ZEHN KINDERBÜCHER, DIE WIR GERADE MÖGEN –
FÜR KLEINERE UND GRÖSSERE

FÜR KLEINERE:

Als Baby liebt Hanna ihre weiche, rosa Kuscheldecke, die sie Dede nennt, weil sie Decke noch nicht sagen kann. Dann wird Hanna größer. Plötzlich kann sie auf den Schoß von Papa klettern. Und alleine in einem großen Bett schlafen. Und je größer Hanna wird, desto älter und kaputter wird die vielgeliebte Decke, bis sie so zerschlissen ist, dass von ihr nur noch ein kleiner rosa Lappen übrig bleibt. Hanna bekommt davon nicht viel mit, sie ist zu sehr damit beschäftigt, noch viel größer zu werden. Bis ihr eines Tages ihre alte Dede einfällt. Und sie Abschied nehmen muss. Ein ganz zartes und wunderbares Buch über das Großwerden und Abschiednehmen, über Geborgenheit und das Loslassenlernen mit wunderschönen Tusche-Zeichnungen. 
Von Arthur Miller, illustriert von Al Parker, Kleine Gestalten, 19,90 Euro, ab 4 Jahren.

Der gestreifte gelbe Tiger hat uns schon oft gerettet. Denn jedes Mal, wenn sich der Kopf des kleinen Fingerpuppenbuches bewegt, kann sich Hedi gar nicht mehr einkriegen vor Lachen. Der gestreifte gelbe Tiger ist der lustigste Tiger der Welt. Jedenfalls für Hedi. Irgendwann werden wir ihr auch mal die Geschichte zum Wackeltigerkopf vorlesen. Bis dahin lachen wir einfach weiter.
Von Coppenrath, 7,99 Euro, ab 24 Monaten.

Sobald man Kinder bekommt, landet man in Zeitschleifen: Plötzlich sind da wieder all die Dinge, die man noch aus der eigenen Kindheit kennt. Fleischverkäuferinnen, die ein Würstchen über die Theke reichen, Fadenspiele, Sammelbilder, Erdbeerlollis. Und natürlich Kinderlieder. All die Kinderlieder, die man eigentlich nicht mehr hören kann, weil man sie schon viel zu oft gehört hat und selbst singen musste. Aber dann kommt ein Buch namens „Schön ist die Welt!” daher, und man merkt, dass man selbst den müde gespieltesten Greatest Hits ein großartiges, neues Leben einhauchen kann. In diesem Buch finden sich 16 Lieder, die wirklich jeder kennt, die „Drei Chinesen mit dem Kontrabass”, „Ein Mann, der sich Kolumbus nannt” oder eine Seefahrt, die lustig ist, nur dass sie alle Knaller sind. Was an den Stimmen, den irren Instrumentierungen (Tuba, Akkordeon, Ukulele, alles dabei) und daran liegt, dass diese Songs in eine superlustige, ziemlich anarchische Geschichte eingebaut sind. 
Von Franziska Biermann und Nils Kacirek, mit CD, Carlsen, 19,99 Euro, ab 3 Jahren.

Nee, Paule, der Pinguin, hat wirklich keine gute Laune. Es ist einfach viel zu früh am Morgen. Und ihm friert der Schnabel. Und das Meer riecht heute wieder viel zu salzig. Und fliegen kann er auch nicht. Und das Allerschlimmste von all dem Schlimmen: Keiner interessiert sich dafür. Einfach: niemand! Bis ihm ein Walross auf die Schulter klopft und ihm mal kurz seinen kleinen Pinguinkopf wäscht. Am Ende merkt Paule, dass es eigentlich gar keinen Grund für seine schlechte Laune gibt. Naja, fast jedenfalls. Gott, ist das niedlich. Und schlau. Und herzwärmend. 
Von Jory John und Lane Smith, Carlsen, 14,99 Euro, ab 4 Jahren.

Im Briefkasten liegt eine Einladung zur größten, schönsten, hutigsten Party aller Zeiten. Man darf so viele Freunde mitbringen, wie man will, einzige Bedingung: Man muss einen Hut tragen. Unbedingt. Aber was ist, wenn man doch keinen Hut hat? Man fragt einen Affen, der einen Hut trägt, ob er nicht Lust hätte, mitzukommen. Der aber nicht reinkommt, weil der Türsteher heute keine huttragenden Affen durchlässt, es sei denn, sie tragen ein Monokel. Zum Glück gibt es den Dachs mit einem Monokel, der dem Affen sein Monokel leiht, aber nur, wenn er auch mit darf. So geht das noch eine ganze Weile weiter und die Geschichte wird immer wilder und verrückter. Eines der wenigen Bücher, die ich wirklich gerne hundertmal vorlese, weil es Riesenspaß macht. Und man in den schönen, bunten Zeichnungen immer wieder ein neues, lustiges Detail entdeckt.
Von Simon Philip & Kate Hindley, Gerstenberg, 13,95 Euro, ab 3 Jahren.

FÜR GRÖSSERE:

Dunne kommt gerade in die Schule. Erst fühlt sie sich dort ein wenig alleine, aber dann lernt sie Ella Frida kennen und die beiden werden beste Freundinnen. Bis Ella Frida wegzieht. Und Dunne so richtig traurig ist. Von diesem Buch hat uns eine sehr nette Buchhändlerin vorgeschwärmt. Was für eine tolle Empfehlung. Fanny liebt die ganze Dunne-Reihe und liest sie immer und immer wieder (was halbwegs schnell geht, weil die Texte und Zeichnungen ziemlich groß sind). Mich beeindruckt an diesen Büchern nicht nur ihre große Wärme, sondern auch, dass darin Themen wie Abschiede oder Krankheiten behandelt werden. Wie sagte Wieland Freund das so schön in der Welt? „Eine ganz kleine Geschichte über ganz große Gefühle.”
Von Rose Lagercrantz und Eva Eriksson, Moritz Verlag, 11,95 Euro, ab 7 Jahren. 

Ida zieht um, neue Schule, keine Freunde, alles doof. Und dann ist da Benni – ein smarter Junge, ein wenig verträumt, keine Freunde, alles doof. Die beiden sitzen nebeneinander, beäugen sich, werden erst nicht warm miteinander. Dann kommt die neue Lehrerin, Miss Cornfield, sieht ein wenig seltsam aus und ist noch seltsamer: Sie vertraut Ida und Benni nämlich zwei magische Tiere an, den Fuchs Rabbat und die Schildkröte Henrietta. Die können reden. Und sind weise. Geben Trost, gute Ratschläge, Hilfe und eine Aufgabe. Ein schönes, wildes, schlaues Buch über Freundschaft und das Groß- und Selbstwerden.
Von Margit Auer, Carlsen Verlag, 9,99 Euro, ab 8 Jahren.

Optische Täuschungen, Bilder, die nicht sind, wofür man sie zunächst hält, Klappseiten, Drehscheiben. Stell dir vor, du stehst vor einer Tür ohne Zimmer, bist du dann drinnen oder draußen? Stell dir ein Land vor, in dem Riesen leben. Stell dir vor, deine Spielsachen würden sich ein kleines bisschen verändern. Was für ein fantastisches, verrücktes, fantasievolles Buch. Wir schauen es immer wieder an. Und immer wieder gerne. 
Von Norman Messenger, Gerstenberg, 19,95 Euro, ab 4 Jahren.

Als Kind habe ich dieses Buch geliebt. Jetzt liebt Fanny es weiter. Weil Linnéa wie eine kleine rosafarbene Waldblume heißt. Weil man im Jahresbuch so viele Ideen findet, was man jeden Monat machen und basteln könnte, einen Zimmerschrebergarten zum Beispiel. Weil man viel über Vögel lernt. Und die Zeichnungen und Fotos so unglaublich schön sind, dass man es auch einfach nur stundenlang anschauen (und abmalen) kann. 
Von Christina Björk und Lena Anderson, 12,50 Euro, CBJ, ab 10 Jahren – wir haben aber auch schon Spaß daran.

Kindern erklären, was ein Kurator, der Unterschied zwischen einem Museum, einer Kunsthalle und einer Galerie ist, warum die Mona Lisa berühmt wurde, was eine Installation und was eine Performance ist? Doch, das geht. Und wie es geht! „Wie kommt die Kunst ins Museum?” ist ein Buch, bei dem man sich als Erwachsener nicht entscheiden kann, was an ihm verrückter ist: die Chuzpe, mit der sich ein Kinderbuch (ab acht, steht darauf, aber es funktioniert auch schon bei Fast-Siebenjährigen) vornimmt, Kindern lauter Sachen zu erklären, die viele Erwachsene nicht wissen (ich zum Beispiel), oder die Souveränität, mit der ihm das gelingt. Da ist wirklich unendlich viel drin, was man über Kunst, Künstler und das Ausstellen von Bildern wissen kann, und es macht wirklich unendlich viel Spaß, in einem Kinderbuch, das sich der Bildung verschrieben hat, Tracey Emin, Damien Hirst, Nam June Paik und Jackson Pollock wiederzufinden – fantastisch erklärt und auf hinreißend gemalten Großformatseiten. Mein Kinderbuch des Jahres.
Von David Böhm, Ondrěj Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk, Karl Rauch Verlag, 20 Euro, ab 8 Jahren.

Was sind denn gerade eure Lieblingskinderbücher – alte Klassiker oder neue Entdeckungen? Freue mich über eure Empfehlungen.

EINE LIEBESLISTE MIT FINE-MACHERIN JUDITH SPRINGER



Ich sollte wohl gleich sagen, dass ich ein Fan bin, denn das bin ich wirklich. Ich freue mich immer unheimlich, wenn ich Produkte finde, die den Alltag ein bisschen besser machen. Nach dem perfekten Deo habe ich lange gesucht. Und dann „Fine” gefunden, das erste aluminiumfreie Deo, das bei mir wirklich funktioniert, herrlich nach Geranium und Vetiver duftet und mit seinem minimalistischen Design auch noch wunderschön aussieht. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich hier heute die Frau vorstellen darf, die sich all das ausgedacht hat. Weil Judith Springer kein natürliches Deo fand, das ihr wirklich gefiel, entwickelte sie einfach ihr eigenes. Das danach andauernd überall ausverkauft war. Mittlerweile hat Judith auch eine Variante mit Zeder und Bergamotte und eine duftneutrale Variante für (natron)sensible Haut entwickelt (die ich mit Hedi gerade bevorzuge). Und falls ihr jetzt auch neugierig seid auf die Frau hinter dieser Geschichte, die übrigens auch noch Mutter von zwei Töchtern und Yoga-Lehrerin ist: Hier ist Judiths Liebesliste. Kommt gut in die Woche!

1. Ein Buch, das dir viel bedeutet?
Ich habe nicht wirklich DAS Buch, es sind eher eine oder auch zwei Handvoll Bücher, die mich in verschiedenen Lebensphasen sehr begeistert und beschäftigt haben. Darunter zum Beispiel „Der Wolkenatlas” von David Mitchell und „Mister Aufziehvogel” von Haruki Murakami.

2. Ein Film, der lange bei dir geblieben ist?
Auch da fällt es mir sehr schwer, the one and only zu benennen. Ganz oben im Ranking sind aber auf jeden Fall: „Memento”, „Prinzessin Mononoke” (sowieso bin ich ein großer Miyazaki-Fan), „Some Like It Hot”, „L.A. Crash”, „City of God” und „Leon der Profi”.

3. Ein Song, der dir unendlich gute Laune macht?
„Wenn du tanzt“ von Von Wegen Lisbeth – so süß und charmant, zaubert mir auf jeden Fall ein Lächeln aufs Gesicht.

4. Was in deinem Kleiderschrank ziehst du immer wieder an?
Einen dunkelblauen ultraweichen Alpakapulli, mein absoluter Liebling, schon ganz ausgefranst an den Ärmeln, ich versuche ihn gerade langsam – rausschleichend sozusagen – durch einen neuen zu ersetzen, das fällt mir schwer.

5. Und was würdest du niemals wegwerfen, obwohl du es schon lange nicht mehr anziehst?
Wegwerfen eh nicht, ich würde es verschenken oder verkaufen. Aber es gibt nichts, was ich nicht weggeben würde. Sind doch nur Dinge.

6. Wonach duftest du gerne?
Ich bin immer ein großer Parfüm-Fan gewesen, bis ich meine Kinder bekam, da war mir das alles irgendwie zu aufdringlich. Auch beim Yoga stört mich das, und da ich jeden Tag übe, kommt Parfüm nur noch danach zum Einsatz. Aktuell: „Escentric Molecules molecule 01” – das riecht einfach zu gut. Meine Kinder lieben es übrigens.

7. Ein Lippenstift?
Da ich sehr helle Lippen habe, sehen angemalte Lippen, auch in der Nude-Variante, bei mir immer TOTAL angemalt aus. Knallrot darf er manchmal aber doch sein.

8. Ein Ort, der Zuhause ist?
Meine Yogamatte und natürlich unser Zuhause. Rom, auch wenn ich da schon lange nicht mehr war. Und mein absoluter Lieblingsort: ein ehemaliger Bauernhof in Marokko.

9. Und an welchen wilst du unbedingt noch reisen?
Nach Los Angeles und Japan.

10. Was gehört zu einem guten Abend?
Ein lauer Sommerabend auf dem Balkon (im Sommer) und ein Alster, Kamin und Yogitee (im Winter) – und meine Ruhe oder eine gute Serie.


11. Und zu einem guten Morgen?
Kein Wecker um 6.30 Uhr, gemeinsam wach werden (ohne von den Kindern geweckt zu werden) und einfach im Bett liegen bleiben. Und natürlich mein Matcha-Latte.

12. Ein Gefühl, das du magst?
Diesen vollkommen leeren, erfüllten Zustand in der Meditation. Und das Gefühl nach einer intensiven Yogapraxis.

13. Welcher Gegenstand war dir mit sechs wichtig? Mit 16? Und heute?
Mein rotes Stoffpüppchen.

Mein Abdeckstift. Ich litt in der Pubertät sehr unter meinen Pickeln, rannte natürlich zum Hautarzt, der mithilfe von bescheuerten Säuren meine Haut noch furchtbarer aussehen ließ. Zum Abdecken verschrieb er mir einen schwefelhaltigen Puder (zum Abdecken?!! Auf schuppiger, da geschälter Haut???). Der war drei Stufen dunkler als meine Haut und sah natürlich ganz, ganz schrecklich aus. Meine Kosmetikerin damals hat mir dann einfach einen Abdeckstift empfohlen. So einfach, aber es hat Wunder gewirkt und ich war happy!

Und jetzt? Meine Wärmflasche und meine Yogamatte. Und ja, ich fürchte, ich muss sagen: mein Computer bzw. Smartphone, eher aus einer Notwendigkeit heraus. Ist ja irgendwie oll, das als wichtigen Gegenstand zu bezeichnen.

14. Welchen Wunsch wirst du dir nie abgewöhnen?
Auf dem Land, am liebsten im Süden zu wohnen.

15. Worauf fühlt sich deine Haut am wohlsten?
Sonne, Sand, Meer und frische Bettwäsche.

16. Schönste Sünde?
Marzipan, Marzipan, Marzipan – und das Eis von Tribeca Icecream, Gott sei Dank für uns nicht in Laufweite. Ach, und ich liebe Fünf-Uhr-Tee mit Gebäck.

17. Eine gute Entdeckung der letzten Zeit?
Nicht wirklich neu, aber jetzt ist es erst richtig bei mir angekommen: Du bist alles, Du weißt alles, Du kannst alles (mal sehr knapp formuliert).

18. Beste Lehre, die dir zuteil wurde?
Das hängt unmittelbar mit dem vorher gesagten zusammen. Angestoßen durch die Lehren und Philosophie des Yoga, über Eckhart Tolle („Eine neue Erde”, auch ein großartiges Buch!) bin ich über meine Heilpraktikerin zu tiefen Einsichten gekommen. Sehr tief, sehr umfassend, sehr beeindruckend – und viel Arbeit.

19. Ein schöner Mensch, den du nicht persönlich kennst? 
Und leider auch nie mehr kennenlernen werde: Schön, im Sinne von erleuchtet: B.K.S. Iyengar, der Guru des Iyengar-Yoga, das ich täglich praktiziere und ewig dankbar bin, dass ich es gefunden habe.

20. Große Liebe? Klitzekleine, aber unverzichtbare Liebe?
Mein Mann, meine zwei Töchter – natürlich. Die kleinen Lieben sind ganz klar die klitzekleinen Freuden im Alltag: Spekulatius in den Kaffee tunken, ein kaltes Radler nach einem anstrengenden heißen Tag, wenn man im Herbst endlich wieder den Ofen anmachen kann (seitdem freue ich mich auf den Berliner Winter!), gute Kunst, ein Lächeln von Fremden, Fan-Mails von meinen KundInnen oder eine Maniküre.

Danke fürs Ausfüllen der Liste, liebe Judith. Hier geht´s zu allen anderen Liebeslisten. Und hier zur Website von Fine.

Fotos: Oben links: Jessica Beau / ibelieveinsymmetry_ (übrigens ein ganz wunderschöner Account), das Portrait von Judith Springer hat Jules Villbrandt von herz.und.blut gemacht, alle anderen Fotos sind von Judith Springer / Fine.

DER OKTOBER 2017 (UND WAS IHN GUT GEMACHT HAT)



Wie die letzten Wochen waren:
Wirklich schön. Da ist sie wieder, die Leichtigkeit. Obwohl die letzten Wochen auch nicht weniger chaotisch waren als die Wochen davor. Aber irgendwie habe ich Freundschaft mit der Wildheit geschlossen. Schon verrückt, wie sehr sich die Dinge mit der Perspektive auf sie verändern. Nach einigen ziemlich turbulenten Tagen war mir einfach klar: Bis Hedi im Frühjahr in die Kita kommt, werden die Tage immer zu kurz sein für all das, was gerade gemacht und erledigt werden muss. Keine besonders originelle Erkenntnis, und doch hat es mir geholfen, das festzustellen. Jetzt gebe ich einfach mein Bestes. Und nehme die Grütze-Tage öfter als das, was sie sind: als Tage vor und nach denen, die gerade sehr glitzern. 

Der schönste Moment:
Hedis Geburtstagsmorgen. Ihr Blick, als sie ihre Geschenke gesehen und zusammen mit Fanny ausgepackt hat. Diese erst ganz leise und dann ganz laute Freude. Ich kann mich noch so gut an den Morgen erinnern, als ich dachte: Heute geht es los, jetzt kommt sie endlich. Und dann kam sie wirklich. Ein Jahr ist das jetzt her. Schon. Erst. Himmel, wie sehr kann man lieben.

Der zweitschönste Moment:
Der Morgen, den ich mit meiner Freundin Maria in unserer Küche verbracht habe. Mit manchen Menschen passt es einfach. Und Maria ist genau so ein Mensch. Ein Mensch, der Wärme ausstrahlt, Herzlichkeit und Großzügigkeit. Was ja an sich schon toll wäre, aber dann ist Maria auch noch eine unglaubliche Puppenmacherin. Vielleicht erinnert ihr euch noch an sie: Vor vier Jahren haben wir zusammen für Fanny eine Puppe genäht. Und weil Lotte sehr geliebt wird, haben Maria und ich nun auch eine Puppe für Hedi gemacht. Mit knallroten Haaren und Sommersprossen. Ich glaube, das wird wieder eine ganz große Puppen-Liebe.  

Liebste Nebenbeschäftigung:
Schatzsuche. Eigentlich ist unsere Wohnung fertig. So richtig fertig fühlt sie sich aber immer noch nicht an, es fehlt noch ein wenig Gemütlichkeit und Wärme. Ein paar besondere, alte Stücke. Dummerweise (aber was heißt dummerweise) bin ich beim Rumgucken sehr fündig geworden: bei Soeur Maison, auf dem Flohmarkt und in einem neuen Lieblingsladen, von dem ich hier bald mehr erzählen werde. In Fannys Zimmer ist eine kleine Bank eingezogen. Und ein altes Küchenbord, in dem nun ihre Lieblingsdinge wohnen. In die Küche ein alter Flaschentrockner und ein kleines Schränkchen, von dem ich ganz hingerissen bin. Ich mag sie so, diese neuen, alten Schätze. 

Eine Idee, die ich sofort geklaut habe:
Den Adventskalender von Rike Drust. Die hat ihren mit Süßigkeiten aus der ganzen Welt bestückt und ich fand diese Idee so fabelhaft, dass ich sie sofort nachgemacht habe. Wie konnte ich denn nicht mitkriegen, dass es in meinem Kiez einen Süßigkeitenladen namens Sugafari gibt? Ich hab noch einen Kinderatlas dazu besorgt, damit wir jeden Tag nachgucken können, woher die verrückten Köstlichkeiten kommen. 

Gerne gesehen:
Die Dokumentation über die große Autorin Joan Didion auf Netflix: „Die Mitte wird nicht halten”. Beeindruckend, aber auch sehr beklemmend. Habt ihr sie euch schon angesehen? Hier ist ein Interview mit den Machern.

Bester Kauf:
Die allerersten Schuhe für Hedi. Schon wieder so ein erstes Mal. Und: die Kuschelpullis, die ich für die beiden Mädchen gekauft habe. Hellrosé, unfassbar weich und kuschelig, einen in groß, einen in klein. Schwesternpullis.

Und für mich:
Ein neues Kochbuch. Selten hat mich ein Buch beim Durchblättern im Buchladen so vorfreudig gemacht wie „Koch doch einfach!” von Clare Lattin und Tom Hill. Ich schreibe die Tage mal mehr darüber. Auch über das andere Kochbuch, auf das ich mich schon so freue: „Das Beste vom Wochenmarkt” – neue Kolumnen und Rezepte aus dem ZEITmagazin von Elisabeth Raether. Das erste war ja schon so ein Knaller.

Gerne geklickt:
* Julia Child – wie man sie bislang nicht gesehen hat. Was für wunderbare Bilder.
* Spinat und Feta gehen für mich immer. Deshalb habe ich dieses Rezept sofort abgespeichert.
* Ein Text über die Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig.
* Womit wir in den Herbstferien sehr viel Zeit verbracht haben. 
* Ein Instagram-Account, den ich mir gerade gerne ansehe. Und noch einer. Und dieser hier. (Was sind denn eure liebsten Interior-Instagram-Accounts? Ich kann gerade gar nicht genug bekommen von tollen Wohnungen und schönen Möbeln)...
* Und wenn wir schon bei schönen Wohnungen sind: Wie toll ist die von Igor Josif und diese Bilder?
* Die Videos von Violette. Ach, die Französinnen. 
* Wie großartig ist bitte Julia Roberts? (Und James Corden sowieso).

Und ihr so? 

GANZ GROSSE LIEBE:
DER NEUE VINTAGE-MÖBELLADEN SOEUR MAISON



Zwei Stufen hoch, schon bist du in einer anderen Welt und du hast nicht mehr tun müssen, als eine Tür zu öffnen. Dahinter: Möbel, in denen andere gelebt haben. Man kennt ihre Geschichten nicht, hat aber zu jedem Stück sofort eine Geschichte im Kopf. Die mit Blumen bemalte Truhe, in der einmal das gute Leinen aufbewahrt wurde. Eine große, alte Tafel, auf der Matheaufgaben gelöst wurden. Einmal hat eine fantasiebegabte Lehrerin auch ein Gedicht auf sie geschrieben. Der kleine bemalte Lastwagen aus Holz, er ist schon am Himalaya vorbei gefahren, auf seine linken Seite ist die Flagge Nepals gemalt. Oder er gehörte einem Kind mit großem Fernweh. Der Bauernschrank mit der aufgemalten Vase, den Blumen und den Blütengirlanden. Der alte Abakus. Zwei silbrig glänzende Pfaue, nicht größer als eine Hand. Der Laden ist nicht übervoll, und doch kann man überall etwas entdecken – Dinge, die aus anderen Zeiten und Leben übrig geblieben sind. Sie haben keine gemeinsame Vergangenwart und doch viel gemein: Sie sind zauberhaft. Gegenstände, mit und zwischen denen man gerne leben möchte, weil man weiß, dass sie das eigene Leben schöner machen würden – verspielter, französischer, ganz sicher bunter. 

Nina von meinem Lieblings-Secondhandladen Soeur hat einen neuen, zweiten Laden gemeinsam mit ihrem Mann Jan: Soeur Maison. Man kann hier schöne Sachen kaufen, hauptsächlich aus Frankreich, aber auch aus Deutschland. Und schöne Sachen verkaufen. Ein Laden für Vintage-Möbel, obwohl das viel zu sachlich ausgedrückt ist. Das hier ist eine Wunderkammer, in der man sich Wunder kaufen kann und wer braucht das nicht, ein ums andere Mal – ein kleines Wunder? 

Soeur Maison, Greifswalder Str. 217, Dienstag bis Samstag von 14-19 h (vom 6.-11.11. ist allerdings zu). 



ÜBER FEHLGEBURTEN SPRECHEN


Ob wir das Leben nur deswegen bewältigen können, weil wir versuchen, möglichst wenig daran zu denken, wie viel Schmerzen und Unglück in ihm existieren und wie oft zwischen Helligkeit und Dunkelheit nur Wimpernschläge liegen? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es uns besser ginge, wenn wir darüber sprächen, welche Dunkelheiten wir in unserem Leben kennengelernt haben und von welchen wir bei anderen wissen und ahnen. Wahrscheinlich könnte man das Leben schwer aushalten, würde man nicht immer wieder das tun, was verdrängen genannt wird. Doch nie darüber zu sprechen, macht auch einsam und mutet jenen, die ein Unglück erlitten haben, noch ein zweites zu – die Isolation.

 „Von allen befruchteten Eizellen kommt es nur in etwa 30 Prozent zu einer Lebendgeburt”, sagt die Kinderwunsch-Expertin Dr. Gülden Halis, geschäftsführende Ärztin im Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrum Berlin in einem Interview auf der neuen Website „Das Ende vom Anfang”. Es ist eine bestürzende Auskunft. Weil sie einen daran erinnert, wie viele Fehlgeburten es gibt. Was wahrscheinlich der Grund dafür ist, warum man über sie nur so selten und oft hilflos redet. Man hat keine Ahnung, wie man damit umgehen kann. Man weiß, dass das Reden kein Baby zurückbringen kann. Und ahnt, dass auch Trost oft daran erinnert, was untröstlich ist. 

Die Journalistin Julia Stelzner hat sich trotzdem dazu entschlossen, die Initiative „Das Ende vom Anfang” zu gründen. Weil die Stille oft noch viel trostloser ist. Diese Stille, die aus Hilflosigkeit, Weitermachenmüssen, Nicht-an-Schmerzen-erinnern-Wollen so tut, als wäre das Unglück erst gar nicht geschehen und es deswegen nicht an- und ausspricht. „Fehlgeburten sind hart. Vor allem, wenn man sich alleine damit vorkommt, weil man gefühlt nur von Baby-Partys und glücklichen Neumüttern umgeben ist, während man sich selbst wie ein Versager fühlt. Dabei haben es rein statistisch so viele Frauen erlebt”, sagt Julia Stelzner. Ihre Website möchte daran endlich etwas ändern. Auf „Das Ende vom Anfang” erzählen Frauen von ihren Fehlgeburten. Und davon, wie sie ihre Fehlgeburten überlebt haben. Sie erzählen von ihren Erfahrungen und ihrer Traurigkeit, aber auch davon, was ihnen aus ihrem Tief wieder herausgeholfen hat. Ich lese darin und mir wird ganz kalt. Und ganz warm von ihrer Tapferkeit, von all dem zu erzählen – Leserinnen, denen dasselbe und doch ihr ganz eigenes Unglück passiert ist, zu sagen, dass sie nicht alleine sind, dass es andere Menschen gibt, die wissen, wie schwer das ist und dass man den Schmerz vielleicht nie wieder ganz los wird, aber irgendwann aushält. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Frauen über ihre Fehlgeburten sprechen. Geteiltes Leid ist tatsächlich so etwas wie halbes Leid und je mehr Frauen es am Ende sind, desto weniger ungewöhnlich oder gar ausgrenzend fühlt sich eine solche Erfahrung an”, sagt Julia Stelzner.

Weil mich ihre Seite so beeindruckt und mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, habe ich der Hebamme Kareen Dannhauer einige Fragen gestellt, die ich im Kopf hatte. Vielleicht interessieren euch ihre Antworten ja auch.

Fehlgeburten sind gar nicht so selten. Immer sind sie eine Katastrophe und ein großer Schock für die betroffenen Frauen. Die Zahlen darüber, wie häufig das passiert, variieren sehr stark. Woran liegt das?

Kareen Dannhauer: Eine konkrete Zahl ist hier gar nicht so einfach, wie man denken mag – in der Literatur gibt es tatsächlich unterschiedliche Angaben. Das liegt auch daran, dass Schwangerschaften heute schon so früh diagnostiziert werden, nicht selten von den Frauen selbst zu Hause, schon am Tag vor der erwarteten Regel. Viele Fehlgeburten sind ganz, ganz frühe Anlagestörungen, die man früher, vor der Ära der bildgebenden Verfahren, gar nicht als intakte Schwangerschaft diagnostiziert hat. Wenn man alle diese Schwangerschaften mitzählt, liegt die Quote bei etwa 15 Prozent aller angelegten Schwangerschaften, die nicht zur Geburt eines Babys führen. Schlägt allerdings das Herzchen in der 7. Schwangerschaftswoche, enden danach nur noch 3–4 Prozent mit einer Fehlgeburt. Eine andere Zahl: Man geht davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Frauen mit Kinderwunsch in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt erleben.

Trotzdem wird über dieses Thema nur selten geredet. Wie erklärst du dir das? 

Ich glaube, dass der Kinderwunsch immer ein sehr persönliches Thema ist, das uns alle mit existenziellen Themen konfrontiert, von Beginn an. Und es ist auch etwas sehr Privates. Frauen, die nicht sofort nach dem Absetzen der Pille schwanger werden, kennen das: Sie wollen nicht auf jeder Party die Phasen des Übens kommunizieren und ob es nun endlich geklappt hat. Druck macht man sich sowieso schon selbst, das braucht man dann nicht auch noch von außen. Und wenn es dann klappt mit dem Schwangerwerden, ist für viele Menschen die Idee zwangsläufig: „Ohhhh… und in neun Monaten haben wir dann unser Baby im Arm“. Dass die Natur manchmal knallhart und wenig romantisch Darwins Gesetzen folgt, ist uns in unserer kontrollierten Welt oft schlicht nicht mehr klar. Und dann wird uns diese Selbstverständlichkeit plötzlich genommen und damit ganz viel in Frage gestellt. Und wir sind sehr verletzlich. 

Wir leben heute ein ziemlich durchgeplantes Leben und jede Planänderung anderer Mächte erleben wir als Kontrollverlust und auch als Infragestellen unserer nach Perfektion strebenden Welt – manchmal auch unserer eigenen Selbstwahrnehmung. Schicksal ist in unserem Plan meist nicht enthalten. Und oft erleben Frauen ihre Fehlgeburt auch in einer Phase, in der die Schwangerschaft noch ein Geheimnis war. Beides gleichzeitig zu verkünden: „Ich war schwanger, aber jetzt übrigens nicht mehr” – das ist für viele Frauen auch keine Option. Aber, und das legen ja die 20 Prozent von oben nahe: Wenn man anfängt, darüber zu reden, stellt man fest: Ich bin nicht allein.

Was ist zu tun, wenn man eine Fehlgeburt hat – und was nicht?

Erst einmal muss man diese schreckliche Nachricht verdauen. Die meisten Fehlgeburten versammeln sich in der Gruppe der sogenannten „Missed Abortion“, die verhaltene Fehlgeburt. Es gibt also oft keinerlei Symptome, die die Frau von außen spürt – wie etwa Wehen oder Blutungen. Bei der zweiten oder dritten Vorsorgeuntersuchung wird dann einfach festgestellt, dass das Baby sich nicht weiter entwickelt hat und kein Herzschlag (mehr) zu sehen ist. Das kann und will man überhaupt gar nicht wahrhaben und glauben. Das Baby ist gegangen, einfach so? Eben war doch noch alles gut und man hat schon über Vornamen nachgedacht. Da braucht das Realisieren einfach Zeit, und es ist oft enorm hilfreich für die Frauen zu wissen, dass sie jetzt erst einmal gar nichts machen müssen. Außer irgendwie wieder Boden unter die Füße zu kriegen und sich in dieser dumpfen Taubheit alle Gefühle zu gestatten. Und dann in Ruhe sacken lassen, was jetzt die nächsten Schritte sein können. Ganz sicher muss man nicht mit dem Zettel, der einem dann in die Hand gedrückt wird, noch unter Schock stehend in die Klinik fahren, um sich dort wenige Stunden später auf dem OP-Tisch wiederzufinden.

Als Alternative zu einer Ausschabung gibt es auch die Möglichkeit, eine natürliche „Kleine Geburt” in Erwägung zu ziehen. Was genau ist das und was spricht für diesen Umgang mit einer Fehlgeburt?

Im Prinzip kann man sagen, dass es in fast allen europäischen Ländern mit einer qualitativ guten medizinischen Betreuung die absolute Regel und nicht die Ausnahme ist, dass Frauen eben keine Ausschabung bekommen. Ich bin mir sehr sicher, dass sich auch hierzulande in den nächsten Jahren einiges tun wird, dazu sind die Zahlen einfach auch klar genug. Immerhin 98 Prozent aller Frauen brauchen keine sogenannte Curettage. Der Vorteil ist ganz klar der, dass die Gebärmutter keinem Verletzungsrisiko ausgesetzt wird. Selbst bei einer Saug-Curettage werden die Ecken der Gebärmutter noch mit einem kleinen Löffel nachcurettiert. Das ist nicht schlimm, aber grundsätzlich meist schlicht unnötig. Es ist natürlich Quatsch, davon auszugehen, dass Frauen prinzipiell einen Arzt brauchen für einen häufigen, irgendwie dann doch natürlichen Prozess, mal evolutionsbiologisch betrachtet.

Alternativ kann man auch ganz banal: Warten, eventuell unterstützt durch verschiedene naturheilkundliche Maßnahmen. Das dauert oft, eher Wochen als Tage, aber dann löst der Körper das von allein. Für viele Frauen ist das lange Warten schwierig, es geht aber prinzipiell. Viel häufiger, und das ist das übliche Vorgehen etwa in den Benelux-Ländern, der Schweiz oder Skandinavien, ist eine medikamentöse Ausleitung der Fehlgeburt. Dafür wird das Medikament Minoproston (etwa Cytotec®) vaginal oder oral gegeben. Über 95 Prozent aller Frauen haben dann innerhalb von 48 Stunden eine spontane und vollständige Fehlgeburt, es beginnen also Wehen und Blutungen. Das geht bei guter Betreuung ganz wunderbar zu Hause, man muss nicht einmal ins Krankenhaus dazu.

Wie ging es den Frauen, die du in diesem schwierigen Moment begleitet hast?

Ausnahmslos alle Frauen, die ich mit Fehlgeburten betreut habe, waren unglaublich dankbar, diesen schlimmen Verlust zumindest autark und gut begleitet zu durchleben. Das Prozesshafte lässt auch die Seele irgendwie mitgehen. Es ist nicht: Narkose, Aufwachen, Baby weg, Gebärmutter leer. Es bleibt viel mehr Raum für Trauer, Abschied und all das, was dazu gehört. Und das wichtige Gefühl: Auch das kann mein Körper irgendwie, und er kann es weitgehend alleine.

Leider wird vielen Frauen von dieser Alternative gar nicht oder nur unter ferner liefen erzählt, weil noch nicht viele Gynäkologen Erfahrungen damit haben. Die „Machen-wir-schon-immer-so-Curettage” ist leider immer noch die Regel. Vielen Frauen ist tatsächlich nicht klar, dass dieser Weg nicht zwangsläufig ist und sie die Zeit haben, in Ruhe zu entscheiden.

Wie kann man sich überhaupt unterstützen lassen?

Viele Frauen sind auch so allein, weil es wenig Betreuungsstruktur gibt. Beim Gynäkologen geht es schnell um die fachlich-sachlichen Dinge der medizinischen Umgehensweisen. Wer ist also zuständig? Eine Antwort, die Frauen oft gar nicht auf dem Zettel haben: Wir Hebammen. Ruf eine an, gleich und sofort. Nicht alle Kolleginnen betreuen Frauen mit frühen Fehlgeburten, aber mehr und mehr. In diesem Umfeld mit persönlicher Betreuung kann eine Fehlgeburt das sein, was es ist: eine intensive und bleibende biographische Erfahrung, der eine gute Begleitung, medizinisch und menschlich, gebührt.

Viele Frauen, die eine Fehlgeburt haben, suchen hinterher nach Gründen bei sich selbst oder fragen sich, ob sie etwas falsch gemacht haben...

Ja, natürlich, so sind wir gestrickt. Menschen brauchen Erklärungen, und am liebsten Ursache-Wirkungsbeziehungen. Es ist einfach so unerklärlich, warum bloß? Eben war doch noch alles gut! Aber genau so ist das manchmal. Es gibt keine Erklärung auf dieser Ebene, außer: Das kommt eben vor. Es sollte einfach irgendwie nicht sein. Es ist wichtig, auch das als Teil des Gesunden und Normalen, aber eben nicht Perfekten – denn so ist unser Leben nicht – zu akzeptieren. Es lag nicht an dem Glas Cremant, das du getrunken hast, bevor du überhaupt wusstest, dass du schwanger warst. Es lag nicht am anstrengenden IKEA-Besuch oder am Streit mit deinem Mann. Jetzt zum Fertilitätsspezialisten oder Humangenetiker zu rennen, bringt ebenfalls gar nichts, außer, dass wir mit Aktionismus unserer Verzweiflung zu begegnen versuchen.

Was kann deiner Erfahrung nach denn helfen, wenn sich alles nur noch leer und traurig anfühlt? Was gibst du den Frauen mit auf den Weg?

Diese Leere ist wichtig, denn sie ist real. Das Baby ist gegangen, und auch das war real. Und nichts scheint an dessen Stelle zu treten. Es gab einen errechneten Entbindungstermin, dazu passend die Vorstellung, mit dem Kinderwagen durch den Park zu spazieren und ganz versonnen winzige Babysöckchen anzugucken. Mutter oder Nicht-Mutter – da gibt es ja auch kein Dazwischen. Von jetzt auf gleich wird man wieder zurückkatapultiert. Das braucht alles Zeit, Erholung, Trauer in all ihren Phasen, mit Aufs und Abs. Und durch die muss man auch durch, eine wirkliche Abkürzung gibt es da leider nicht.

Betroffen sind in dieser Situation auch die Väter. Wie trauern sie? 

Auch das ist sicher so individuell wie alles. Aber anders als in meinen Wochenbettbetreuungen sind Männer viel weniger Teil dieses Prozesses – und auch viel weniger anwesend. Die müssen am nächsten Tag ja auch gleich wieder arbeiten. Dazu kommt der körperliche Unterschied. Väter konnten das Schwangersein und das Baby selbst noch nicht spüren – und so war das Baby möglicherweise noch eine viel theoretischere Idee, als es für die Frauen der Fall war. Manchmal fällt es ihnen deshalb leichter, sich im Alltag wieder zu orientieren. Manchmal trägt diese unterschiedliche Art von Trauer zum Sich-Unverstanden-Gefühl einiger Frauen bei. Aber natürlich gibt es auch Männer, die am Boden zerstört sind und über Tage gar nicht aufhören können zu weinen.

Wie kann man Freundinnen unterstützen, die eine Fehlgeburt hatten? Gibt es richtige (oder falsche) Worte?

Das ist für alle Beteiligten schwierig. Für richtige oder unrichtige Worte gibt es vor allem sehr unterschiedlich begabte Menschen. „Ach, beim nächsten Mal klappt es bestimmt” oder „Es war ja noch gar kein richtiges Baby” wird hoffentlich kein halbwegs fühlender Mensch aussprechen. Aber auch mit einem selbst macht es ja was, wenn die Freundin eine Fehlgeburt hat. Erstens trauere ich mit. Zweitens habe ich auch meine eigene Geschichte, wie auch immer die aussieht. Und drittens ist das Schwangersein in gewissen Lebensspannen verortet, die manchmal gleichzeitig stattfinden. Da wollte man gerade verkünden, dass man schwanger ist und die beste Freundin hat eine Fehlgeburt. Und nun? Darf ich mich über mein Baby rückhaltlos freuen? Darf ich ihr zumuten, dass sie sich mit mir freuen soll? Viele betroffene Frauen können das nicht gut und brauchen erst einmal Rückzug. Plötzlich schlägt einem mit voller Wucht entgegen, dass „alle ein Baby kriegen, nur man selbst nicht“. Man sieht überall dicke Bäuche und Kinderwägen. Das ist schrecklich. Es hilft betroffenen Frauen sicher, wenn dieser Rückzug akzeptiert wird und mit empathischem Dasein beantwortet wird.

Wie schnell darf oder kann man deiner Erfahrung nach wieder schwanger werden?

Der Körper ist klug und regelt das im Prinzip von selbst. Neuere Studien sagen, dass es keine Vorteile hat, eine willkürliche Zeit, etwa drei Monate – dieser Zeitraum geistert manchmal noch umher – mit einer neuen Schwangerschaft zu warten. Dazu haben die Paare meistens ein klares Gefühl von Vorstellbarkeit. Einige Frauen brauchen Zeit für die Verarbeitung, andere weniger. Und einige Gebärmütter warten nur auf die nächste Gelegenheit – andere brauchen offenbar länger. Auch das Alter spielt sicher eine Rolle: Eine bislang kinderlose 38-Jährige wird möglicherweise nicht ein halbes Jahr lang diverse Eisprünge verpassen wollen, da tickt die Uhr manchmal ein bisschen lauter.

Und wie stehen die Chancen, nach einer Fehlgeburt eine ganz normale Schwangerschaft zu erleben?

Gut. Ganz und gar gut. Bei allem, was es an persönlicher Tragödie für eine Frau bedeutet, ein Baby zu verlieren, ist es einfach auch Teil des natürlichen Prozesses. Dass es eben manchmal nicht klappt, scheint zu unserer Fruchtbarkeitsbiografie im Leben als Frau mit dem Kinderkriegen irgendwie auch dazuzugehören. 


Kareen Dannhauer ist seit über 20 Jahren Hebamme und arbeitet als freiberufliche Hebamme in Berlin. Ihr Schwangerschafts-Ratgeber „Guter Hoffnung – Hebammenwissen für Mama und Baby” ist gerade im Kösel-Verlag erschienen.

Julia Stelzner schreibt als freie Mode- und Reisejournalistin zum Beispiel für die FAZ, die ZEIT, Harper´s Bazaar oder Elle. Im September ist ihr neues Buch „Wie wir kochen: Die besten Foodblogs und ihre leckersten Rezepte” bei Prestel erschienen. Sie lebt in Berlin.

Die Website „Das Ende vom Anfang” ist hier zu finden. Wer gerne seine Geschichte erzählen möchte (oder darüber nachdenkt und sich gerne austauschen würde) erreicht Julia unter unter der Email: hallo(at)dasendevomanfang(dot)de.
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